Der genetische Bruder

Wenn Timo Sandau und Akhmed Ozov neben einander stehen, fällt der Größenunterschied zuerst ins Auge. Auch sonst erkennt man keine Gemeinsamkeit. Bei ihrem ersten Treffen in Hannover sagen der 28-Jährige aus Barbis (Kreis Göttingen) und der 20-Jährige aus Naltschik (Nordkaukasus, Russland) trotzdem: „Wir sind Brüder!“ Warum? Weil Timo Sandau Knochenmark gespendet und dem leukämiekranken Akhmed Ozov das Leben gerettet hat.

Wie zwei gute Kumpel sitzen Timo Sandau und Akhmed Ozov in einem Lokal am Maschseeufer, unterhalten sich vertraut, scherzen, lachen. Aber sie sind keine gewöhnlichen Freunde: Vor drei Jahren kämpfte Akhmed, damals 17 Jahre alt, in einer Moskauer Klinik gegen Leukämie. Chemo und Bestrahlung halfen ihm nicht dabei, gesund zu werden. Mit der Hilfe von Timo Sandau, der 2015 Knochenmark für ihn spendete, konnte er überleben. „Ich kann es noch nicht richtig fassen, dass ich Akhmed heute kennenlernen kann. Ich freue mich, dass ich ihm helfen konnte“, erzählt der Elektriker und grinst weiter – fast ohne Pause seitdem er Akhmed kennengelernt hat.

Spenden retten Leben!

11 000 Mal im Jahr erkrankt ein Mensch in Deutschland an Leukämie. Helfen Chemo und Bestrahlung nicht, ist die Transplantation gesunder Stammzellen von einem fremden Spender die letzte Chance auf Weiterleben. Seit mehr als 30 Jahren wirbt die Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands erste Stammzellspenderdatei aus Birkenfeld/Nahe, dafür, dass sich junge Menschen als Spender typisieren lassen. 2014 war einer von ihnen Timo Sandau, als einer seiner Kumpels an Leukämie erkrankte und Familie, Freunde und Kollegen mit „Hilfe für Arne“ zur Typisierung aufriefen. Sandau erinnert sich noch genau daran, als sich 2015 eine Mitarbeiterin der Datei bei ihm meldete, weil er als Spender in Frage kommt. Akhmed war zu der Zeit seit zwei Jahren an Blutkrebs erkrankt.

Akhmed ist zum ersten Mal in Deutschland. Sofia Strinkevich begleitet und dolmetscht für den nur russischsprechenden Akhmed. Sofia arbeitet bei der Moskauer Stiftung „Podari Zhizn“, die Hilfe für krebskranke Kinder und junge Erwachsene leistet. Timo und Akhmed verstehen sich auch ohne ihre Hilfe – über einen Online-Übersetzungsdienst. Immer wieder kichern und lachen die beiden über ihre Handys gebeugten Männer. Sie vergleichen Fotos ihrer Heimat und Familie, zeigen sich Videos vom Herumalbern mit Freunden, machen zahllose Erinnerungsfotos, auf denen sie beide strahlend – mit vor Lachen verengten Augen – in die Kamera schauen. Für die Videobotschaft an Akhmeds Mutter winken beide fröhlich in die Kamera – „Familie ist mein ein und alles“, erzählt Akhmed. Spricht der 20-Jährige von der Zeit, als er und seine Familie um sein Überleben bangten, bekommt man den Eindruck, das würde schon lange hinter ihm liegen: spontan und präzise antwortet er, ohne seine gute Laune zu verlieren. Er erzählt, dass ihn seine Freunde wegen seines Nachnamens wie in dem Märchen „Oz, der mächtige Zauberer“ nennen, weil er seine Krankheit besiegt und seinen Optimismus behalten hat. „So bin ich halt“, erklärt er und lächelt weiter sein sanftes, zerbrechlich wirkendes Lächeln. Während der Transplantation, als der mit roter Flüssigkeit gefüllte Beutel wie eine gewöhnliche Infusion an dem Metallständer hing und die Stammzellen durch einen Schlauch in seinen Körper tropften, wusste Akhmed nicht, wer für ihn gespendet hat. Drei Jahre später wollte er endlich seinen „Superman“, wie er Timo lächelnd beschreibt, treffen und hat sich an „Podari Zhizn“ gewandt, die ihn während seiner Erkrankung unterstützte.

Zukunftsziele dank Knochenmarkspende

Was Akhmed sich für seine Zukunft wünscht, fragt einer in der Runde. „Er möchte seine Ausbildung zum Zahntechniker beenden, seinem neuen Hobby, dem Zeichnen, nachgehen, das Land der Wikinger – Norwegen – bereisen und mit 22 Jahren heiraten“, übersetzt Strinkevich. „Seine Familie ist, wie viele im Nordkaukasus, muslimisch. In seiner Gegend heiratet man so jung“, erklärt sie.

Dass Familie Sandau Akhmed und seine Familie in Naltschik irgendwann besucht, haben sie sich bereits versprochen. Eine Sache möchte Timo Sandau aber noch klarmachen. Er findet es wichtig, dass man sich für Leukämie- und Tumorkranke engagiert. „Wer kann, sollte sich typisieren lassen. Man sollte sich nur mal vor Augen führen, dass man selbst auch daran erkranken könnte. Mit Knochenmark- und Stammzellspende kann man Leben retten.“    Online-Typisierung: Über die Homepage der Stefan-Morsch-Stiftung (www.stefan-morsch-stiftung.de) kann man sich jederzeit als Stammzellspender erfassen lassen. Über die Startseite kommt man zur Einwilligung. Dort müssen einige Gesundheitsfragen beantwortet werden. Nach dem Ausfüllen der Einwilligung bekommt man ein Registrierungsset mit genauer Anleitung zugeschickt. Für den Spender, der jünger ist als 40 Jahre, entstehen dabei keine Kosten. Geldspenden sind jedoch für Spenderdateien unverzichtbar, da jede Spenderregistrierung mindestens 40 Euro verursacht. Auch die Spendenkonten sind auf der Homepage nachlesbar. Über unsere gebührenfreie Hotline (08 00 – 766 77 24) können Sie weitere Informationen einholen. Weitere Infos findet man auch auf der Homepage oder über unsere Facebook-Seiten.